Kuhdung, Kräutertee und Mondphasen - Weingut Peter Jakob Kühn / Rheingau

Von Rainer Schäfer

Biodynamisch arbeitende Winzer legen sich mächtig ins Zeug: Sie graben um Mitternacht Kuhhörner ein oder gießen Kräutertees auf ihre Reben. Ein Besuch beim prämierten Winzer Peter Jakob Kühn in seinem Weinberg im Rheingau.

Stellen Sie sich vor, Sie dürften bestimmte Tätigkeiten ausschließlich bei zunehmendem oder bei abnehmendem Mond ausführen: Einkaufen gehen, Essen oder Freunde treffen. Was wir als groben Unfug ablehnen würden, ist für biodynamisch arbeitende Winzer oberstes Gebot. Im biodynamischen Weinbau sollen kosmische Kräfte wirken, der Rebschnitt wird bei abnehmendem Mond durchgeführt, das Unkraut wird bei zunehmendem Mond gehackt. Der Vorschriftenkanon, der auf den wunderlichen Anthroposophen Rudolf Steiner zurückgeht, klingt ähnlich restriktiv und freudlos wie das Zölibat für Gottesdiener.

Landläufig gelten biodynamische Winzer als Sonderlinge, die hässliche Wollsocken tragen und sich in esoterischen und okkultischen Handlungen verlieren. Auch ich hatte Vorbehalte, als ich mich auf den Weg zu Peter Jakob Kühn nach Oestrich im Rheingau machte (www.weingutpjkuehn.de). Dabei hat Kühn nichts von einem dogmatischen Eiferer, er ist entspannt, frisch rasiert und trägt eine unauffällige Brille. Kühn zählt zu den wenigen deutschen Spitzenwinzern, die sich offen zum biodynamischen Weinbau bekennen. 2002 spürte Kühn, dass „es so nicht weitergehen kann. Der Winzer gibt immer mehr Kompetenz an die Industrie ab“.

Die bietet ihre chemischen Allheilmittel an, um den Prozess der Weinproduktion zu beschleunigen und die Ergebnisse programmierbar zu machen. Kühn will entschleunigen, seinen Weinen Zeit lassen. Er ist dabei, seine Schulden zurückzubezahlen, an die Natur, an seine Weinberge. „Ich habe früher Sachen gemacht, die ihnen wehgetan haben.“

Es ist üblich, dort Pestizide, Herbizide und Kunstdünger einzusetzen. In manchem Keller kommen Hightech und Chemie zum Einsatz, dagegen wäre Frankensteins Labor eine Puppenstube. Mit biodynamischen Anwendungen will Kühn „die Natur besänftigen“. Im Herbst vergräbt er Kuhhörner mit Rinderdung, die über die Wintermonate in der Erde bleiben, „und Kraft aufnehmen“. Im Frühjahr wird der Inhalt der Kuhhörner in Wasser aufgelöst und durch Umrühren dynamisiert. Die Flüssigkeit wird dann in homöopathischen Dosen im Weinberg versprüht. Kühn weiß, dass er „sich angreifbar macht“, der Spott rational denkender Zeitgenossen ist ihm gewiss. Gemeinsam mit dem jungen Pfälzer Winzer Sven Leiner (www.weingut-leiner.de) und dem Wissenschaftler Georg Meißner hat er eine Neigungsgruppe Biodynamik ins Leben gerufen, die sich regelmäßig austauscht. Sie experimentieren viel, diskutieren gemeinsam die Ergebnisse.

Kühn hat einen 200-Tonnen-Hügel mit Kompost aufgehäuft, der seine Weinberge fruchtbar und attraktiv für andere Organismen machen soll. Die Grünspechte sind schon zurückgekommen, nach Ewigkeiten. Leiner holt seinen Dung aus dem Zoo in Landau, von den unterschiedlichen Kotarten verspricht er sich „vielfältiges Leben im Weinberg“. Seine Weine jedenfalls gewinnen Jahr für Jahr an Format.

Alle Kräfte kann Kühn nicht erklären im biodynamischen Weinbau, aber er weiß, dass sie wirken. Vermutlich hat er die entspanntesten Reben in der Gegend. Er kocht Tee aus Kräutern für sie, er umsorgt sie, er besucht seine Reben auch mal nachts. „Je entspannter sie sind, umso besser ist der Wein.“ Kühns Weine sind ungewöhnlich intensiv. Wer einen der hoch konzentrierten Rieslinge trinkt, schmeckt dabei, dass es sich lohnt, Mondphasen zu beachten. In Frankreich arbeiten immer mehr Spitzenwinzer biodynamisch, weil sie erkannt haben, dass man aus einem geschundenen Weinberg keine außergewöhnlichen Weine gewinnen kann.

Kühn steht im Weinberg, unten hat der Rhein schwer an seinem Hochwasser zu tragen. „Die Leute hier sagen: Der hat schon so viele verrückte Sachen gemacht, jetzt kommt es auch nicht mehr darauf an, ob er biodynamisch arbeitet.“ In Frankreich wurde Kühns 2004er Oestrich Doosberg auf der Weinmesse Vinexpo zum besten Weißwein gekürt. Solche Auszeichnungen sind für deutsche Winzer normaler Weise nicht vorgesehen.

Über den Autor: Rainer Schäfer schreibt am liebsten über Wein und Fußball. Er ist Chefredakteur des Fußballmagazins RUND.